Themenkorridor und transdisziplinärer Forschungsansatz

TRUST

Themenkorridor und transdisziplinärer Forschungsansatz

Wir leben in einer hochtechnisierten Gesellschaft. In dieser kann nicht jede(r) alle Aufgaben selbst erfüllen (wie etwa auf einem autarken Hof); die Arbeiten werden auf Spezialist*innen1 aufgeteilt. Diese Arbeitsteilung muss gut durchdacht, die einzelnen Tätigkeiten müssen gut aufeinander abgestimmt sein, sodass ein Gemeinwesen funktionieren kann. Bestimmte gesellschaftliche Aufgaben müssen folglich an Institutionen und Personen übertragen werden, die über das notwendige Sachwissen verfügen. Im Beispiel der fachgerechten Entsorgung hochradioaktiver Abfälle sind dies bestimmte Einrichtungen, wie das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) oder auch Expert*innen aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Diejenigen, die nicht über das notwendige Sachwissen verfügen – und das betrifft die meisten Bürger*innen – müssen sich auf die Arbeit der jeweiligen Expert*innen verlassen können, sie müssen ihnen vertrauen. Diese sollen schließlich stellvertretend für die gesamte Gesellschaft die Sicherheit der nuklearen Anlagen gewährleisten. Vertrauen in die beteiligten Akteur*innen (und Institutionen) spielt daher bei sicherheitsrelevanten Themen wie der Entsorgung nuklearer Abfälle eine zentrale Rolle.

Vertrauen in Expert*innen und Institutionen ist nicht per se gegeben, sondern wird u.a. wesentlich durch den (wahrgenommenen) Sachverstand, Integrität, Unabhängigkeit und auch Transparenz der handelnden Akteur*innen bestimmt und aufgebaut. Vertrauen ist bei einem so kontrovers diskutierten Thema, das mitunter auch emotional aufgeladen ist, eine große Herausforderung. In TRUST untersuchen wir daher, welche Faktoren dem Vertrauensaufbau förderlich sind. Unter anderem untersuchen wir, wie bei der Vermittlung und Beurteilung von Wissen die immer vorhandenen Unsicherheiten und deren Kommunikation den Vertrauensaufbau beeinflussen.

Schon jetzt laufen die Vorbereitungen zur Standortauswahl, geleitet durch das BASE und ausgeführt von der BGE. Auch die künftigen Phasen des Entsorgungspfades (Standortwahl, Genehmigungsverfahren, Bau, Einlagerungsphase, etc.) werfen ihre Schatten voraus und beeinflussen den Prozess der Standortfindung. Auch für diese Phasen muss der Grundstein für Vertrauen gelegt werden. Passende Instrumente der Verfahrens-Beteiligung können dabei helfen.

Hieraus ergeben sich folgende Leitfragen, die unseren Themenkorridor bestimmen (Themenkorridor meint dabei, dass die Themen noch Gestaltungsraum durch Beteiligte aus der Zivilgesellschaft für die transdisziplinäre Forschung zulassen):

  • Wie spielen technik- und zeitbedingte Unsicher- und Ungewissheiten sowie Vertrauen in der nuklearen Entsorgung zusammen (und welche Schwierigkeiten ergeben sich für die damit verbundenen Entscheidungsprozesse)?
  • Eine wichtige sozialwissenschaftliche Frage dreht sich um die Rolle des Vertrauens in zuständige Akteur*innen (z.B. BGE) und aufsichtführende Stellen. In TRUST sollen daher durch Zurverfügungstellen technischer Ausrüstung und kostenloser Schulung Bürger*innen in die Lage versetzt werden, selbständig Umweltradioaktivität zu messen. Interessant für TRANSENS ist z.B. ob und wie sich die Wahrnehmung von Messergebnissen und ihren Unsicherheiten verändert?
  • Auch die naturwissenschaftlich-technischen Fragen in TRUST sind an sich schon komplex und haben mit inhaltlichen und zeitlichen Unsicherheiten zu tun und so stellt sich die Frage, wie Unsicherheiten und Ungewissheiten im Ablauf technisch-naturwissenschaftlicher Prozesse kommuniziert und behandelt werden können. In TRUST wird dies am Beispiel der zum Monitoring eines Endlagers notwendigen Modelle und Techniken erarbeitet.
  • Zusammenfassend heißt das für TRUST als Fragestellung: Wie kann Ingenieur- und naturwissenschaftliche Forschung und deren Kommunikation gestaltet werden, damit sie im Verbund mit sozialwissenschaftlichen Forschungsansätzen und unter Einbezug von Akteur*innen aus der allgemeinen Bevölkerung im Sinne der Vertrauensbildung bei der nuklearen Entsorgung einen Mehrwert erzeugt?

Dabei kommt den technischen Disziplinen eine Doppelrolle zu. Zum einen schaffen sie notwendiges Grundlagenwissen für das bessere Verständnis der oben angesprochenen Errichtungs- und Einlagerungsphase und der möglicherweise erforderlichen Rückholung; zum anderen sind sie Teil des zu untersuchenden Zusammenwirkens von naturwissenschaftlich-technischer Expertise, systemimmanenten Ungewissheiten, Kommunikation, Öffentlichkeitsbeteiligung und Vertrauen (vgl. Transdisziplinaritätsforschung).

1 Das "Gendersternchen" macht im Folgenden als Platzhalter-Zeichen sichtbar, dass Menschen aller Geschlechter gleichermaßen adressiert sind; es sei denn, eine Formulierung bezieht sich explizit auf ein bestimmtes Geschlecht.